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Vortrag Teil 1: Politische, wirtschaftliche und soziale Gründe der Auswanderung

Gerhard König ⌂, Montag, 23.06.2003, 12:12 (vor 8313 Tagen) @ Gerhard König

Als Antwort auf: Auswanderung nach Brasilien von Gerhard König am 17. Juni 2003 00:15:33:


Vortrag zur Auswanderung deutscher Siedler nach Brasilien

Von Pfarrer Egidio Weissheimer. Porto Alegre, Rio Grande do Sul, Brasilien

Diese Arbeit hatte der Pfarrer Egidio Weissheimer am 25. Juli 1999 bei der Evangelischen Kirche Martin Luther in Porto Alegre, Rio Grande do Sul, Brasilien zur Gedenkfeier der 175-jährigen deutschen Einwanderung in Brasilien vorgestellt.

(Übersetzung von Ralf Milbradt (Joinville, Brasilien) und im Deutschen editiert von Dieter Bentz (Essen, Deutschland))

1. Politische, wirtschaftliche und soziale Gründe der Auswanderung deutscher Kolonisten und Soldaten nach Brasilien.

Damit man die deutsche Auswanderung nach Brasilien verstehen kann, ist es notwendig, die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen der damaligen Zeit in Deutschland und Brasilien zu untersuchen.

Nicht nur Deutschland sondern ganz Europa atmete auf nach dem Ende der napoleonischen Zeit. Obwohl der Krieg schon 1815 mit Napoleons Niederlage bei Waterloo endete, hatte sich die schlechte Situation in den Städten und der Landwirtschaft Deutschlands nicht verändert.

Die Mehrzahl der landwirtschaftlichen Besitzungen war durch kleine Betriebe entstanden. Durch Erbteilungen sind die Betriebe immer kleiner geworden. Durch die intensive Ausnutzung des Bodens haben die Bauernhöfe ihre Erntekraft verloren. Außerdem war die Struktur in der Landwirtschaft noch sehr feudalistisch. Die Landflucht der Arbeiter hatte sich nicht gelohnt, da sie in den Städten keine Arbeit finden konnten. Die Industrie hatte zwar neue Arbeitsplätze geschaffen, aber die Landarbeiter waren dafür nicht ausgebildet, da sie in der Mehrzahl keinerlei Ausbildung hatten.

In den Städten war die Situation nicht anders. Die industrielle Revolution, die in England im 18. Jahrhundert begann, hatte die soziale und wirtschaftliche Situation nicht sehr verändert. Die Industrialisierung brachte auch den Handwerkern viele Schwierigkeiten. Vor der maschinellen Produktion, wurden Schneider, Tuchmacher, Schmiede, Zimmerleute u.s.w. sehr gut bezahlt. Aber in dem Moment, in dem eine einzige Maschine mehr produzierte als 10, 20 oder mehr Menschen, gingen die Handwerker bankrott. Die Maschinen haben mehr und besser produziert. So wurden Handwerker als gewöhnliche Arbeiter eingesetzt und mussten für sehr geringen Lohn viele Stunden arbeiten.

Da Napoleon für die gesamte Bevölkerung Impfungen durchgesetzt hatte, stieg die Bevölkerungszahl schnell. Es gab aber für so viele Menschen keine Arbeitsplätze. Der Arbeitsmarkt hat sich nicht so schnell entwickelt wie die Bevölkerung.

Die Landarbeiter und Handwerker hatten nur einen Ausweg: die Auswanderung.

Eine Militärkarriere war Jahrhunderte lang immer eine Arbeitsmöglichkeit gewesen, was Familien genutzt haben, um ihre arbeitslosen Kinder unterzubringen, sofern sie keine Arbeit in der Stadt oder der Landwirtschaft besorgen konnten. Der Militärdienst war aber nicht freiwillig. Die Dienstzeit war immer mit der politischen Situation verbunden. In Kriegszeiten haben sich die Dienstzeiten bis zu einem Friedensvertrag verlängert. Das brachte Unzufriedenheit. Wer nicht zum Militärdienst wollte, flüchtete zum nächsten Herzog oder Reich. Aber wer dies getan hatte, wurde ausgewiesen. Und für diese Menschen gab es nur einen Ausweg: die Auswanderung.

Eine weitere Unzufriedenheit war die sogenannte ?Kirche Sanktion?. Der französische Klerus hatte sich bis zur Revolution 1789 der ?Erste Stand? genannt. Hatte also über dem Adel gestanden, dem sogenannten ?Zweiten Stand?. Die Mitglieder des Hohen Klerus, die aus dem Adel kamen, brauchten unter anderem keine Steuern zu zahlen und erhielten aus dem Staatschatz hohe Pensionen ausgezahlt.

Zur selben Zeit musste ein Ortspfarrer, der mit armen und unterdrückten Menschen umging, ein hohes Einkommen erzielen, damit er überleben konnte. In Deutschland kostete das Sakrament der Ehe nicht weniger als heute umgerechnet 50 US$. Die Zahlung musste vor der Hochzeit erfolgen. Wenn ein Ehepaar das Geld nicht aufbringen konnte, haben sie ohne Trauung zusammengelebt, was die Gesellschaft nicht akzeptierte und was sehr kritisiert wurde. Für die Menschen, die ohne Trauung zusammenlebten, gab es keine Arbeit. Hatten sie ein Geschäft, blieben die Kunden weg. Auch für sie gab es nur einen Ausweg: die Auswanderung.

Das waren Gründe, wegen denen Deutsche nach Brasilien ausgewandert sind.

Und was passierte in Brasilien zu dieser Zeit? Am 7. September 1822, am Ufer des Ipiranga Baches in São Paulo, wurde durch den Prinz Pedro die Unabhängigkeit erklärt. Im Jahr 1808 flüchtete die portugiesische königliche Familie, an Bord von 14 englischen Schiffen, nach Brasilien, damit sie vor Napoleons Einfall ausreisen konnten. Mit Napoleons Niederlage in Waterloo am 18.6.1815 stand der Rückkehr von König João VI nach Portugal nichts im Wege, was aber erst am 24.4.1821 geschah. Mit der Rückkehr hatte die königliche Verwaltung Brasilien wieder zur einfachen Kolonie erklärt, was das Land nicht mehr war seit der König hier gewohnt hatte und verkündete dann, das einheitliche Königreich von Portugal, Brasilien und Algarve. Sein Sohn, Prinz Pedro sollte auch sofort nach Portugal zurückkehren, um sein Studium fortzusetzen, da er früher oder später seinem Vater als König von Portugal folgen sollte.

Die Unabhängigkeitserklärung hatte aber nicht nur in Portugal Widerstand hervorgerufen, sondern auch im eigenen Land. Die Autoritäten der brasilianischen Provinzen waren Portugiesen und haben sich der Krone gegenüber treu verhalten. Im Jahr 1823 wurden dann die portugiesischen Truppen, die noch in Brasilien dienten, entlassen. Ein neues Kommando und Soldaten mussten eingesetzt werden, um die Unabhängigkeit zu gewährleisten. Aber Portugal hatte sich zur selben Zeit militärisch auf den Einfall in Brasilien vorbereitet. Es waren aber nicht genügend Soldaten in Brasilien. Dafür waren wenigstens 4.000 Mann nötig, aber nur 200 haben sich gemeldet. Es war also nötig, dass sie aus dem Ausland kamen.

Außer Soldaten benötigte die neue Regierung auch Einwanderer, die sich im Süden Brasiliens niederlassen sollten, wo der militärische Streit mit Argentinien um die sogenannte Region ?Cisplatina?(heute Uruguay) immer größer wurde. Nach der Empfehlung der Kaiserin Leopoldina, Großherzogin von Österreich und Tochter von Kaiser Franz I., die Pedro am 13.5.1817 geheiratet hatte, wurde entschieden, nicht nur deutsche Soldaten ins Land zu holen, sondern auch Kolonisten. Zu der Zeit, nach Enden des Krieges gegen Napoleon, gab es Tausende entlassener Soldaten in Europa.

Kolonisten und Soldaten für die brasilianischen Ausländertruppen anzuwerben, war ein sehr schwieriger Auftrag, den der Major Johann Anton von Schaeffer angenommen hatte. Er kam 1814 in Brasilien an, und hatte Freundschaft mit der Kaiserin geschlossen, da sich beide sehr für Naturwissenschaften interessierten.

Mit einem kaiserlichen Befehl, der ihn zum ?Agenten für brasilianisches politisches Wesen? ernannte, hatte Schaeffer am Anfang in Deutschland sehr viele Probleme. Die Entsendung von Soldaten ins Ausland war seit 1815, nach dem Wiener Kongress, von den großen europäischen Mächten (Preußen, England, Österreich und Russland) verboten worden, um die Entstehung eines neuen Napoleons zu verhindern. Und Pedro I. wurde nach der Unabhängigkeitserklärung als ein Aufrührer angesehen, der den eigenen Vater verraten hatte.

Während es in einigen Deutschen Reichen vorboten war, dass Soldaten und Kolonisten in südliche Länder wie zum Beispiel Rhenanien (Rheinbund) auswanderten, war dieses Recht der Bürger, hauptsächlich in der Nähe zu Frankreich, anerkannt, wo die Zerstörung durch Krieg größer war und wo der Feudalismus einen stärkeren Einfluss hatte. Rund 50 % der Einwanderer (in Südbrasilien) kamen daher aus dieser Region oder besser gesagt waren es ?Hunsrücker? die aus der Region der Flüsse Rhein, Mosel, Nahe und Saar kamen.

Die zu kleinen Ländereien, die durch das Erbrecht entstanden waren, wie wir schon vorher gelesen haben, trugen dazu bei, dass die Kolonisten aus ihren Heimatländern weggingen. Dazu kam dann die brasilianische Regierung mit einem Angebot von Ländereien bis zu 150 Morgen (77 Hektar) außer Werkzeug, Vieh, Samen, Finanzierung in den ersten zwei Jahren und Steuerbefreiung für die nächsten zehn Jahre, was Schaeffers Auftrag sehr erleichtert hat.

Da mit den Verwaltungen die Anwerbung von Soldaten nicht abgestimmt war, ließ Schaeffer die Soldaten zwischen den Familien der Kolonisten einschiffen. Er selbst hatte in Deutschland Unterhändler ernannt, die ihm geholfen haben, Menschen zu finden, die als Kolonisten oder Soldaten nach Brasilien auswandern wollten und die auch die Pflicht hatten, die Dokumente zu beschaffen, die für die Fahrt der Menschen aus ihrem Heimatstädten nach Hamburg nötig waren, während Schaeffer die Schiffe besorgte. Von Rhenanien nach Hamburg wurde die Reise mit Ackerwagen durchgeführt und dauerte vier Wochen. In Hamburg dauerte es nochmals 40 Tage bis alle Dokumente geprüft waren und sie die brasilianische Staatsangehörigkeit erhielten, da sie die deutsche Staatsangehörigkeit abgeben mussten. Auf diese Weise haben die deutschen Verwaltungen verhindert, dass die Auswanderer wieder zurückkehrten.

Die Einschiffung erfolgte sobald die Schiffe für Menschentransport umgebaut waren, da sie für Transport von Waren gebaut worden waren. Die Abfahrt bedeutete den entgültigen Abschied von Freunden, Familienmitgliedern und dem Heimatland, bedeutete aber auch zur selben Zeit den Beginn eines neuen Lebens ohne Hunger, ohne Arbeitslosigkeit, ohne Unsicherheit und mit viel Perspektive.


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