Re: Erinnerungen meines Vaters Alfred Brandt
Während mein Großvater Albert Brandt 1893 noch in Gregorowka Wolhynien geboren ist, kam mein Vater 1933 bereits in Löbau, Kreis Neumark/Löbau, Westpreußen als 3. Junge von fünf Kindern zur Welt. Das vierte Kind, eine Schwester starb sehr früh und das letzte Kind Christel war dann nochmal eine Schwester - das wohl ganz besonders von der Mutter ersehnte Mädchen!
So wie ich mit vielen Sehnsüchten, Wiedersprüchen, Erzählungen und ohne es zu merken auch Traditionen aufgewachsen bin und die Traumatisierung gespürt und erfahren habe, die Vertreibung und Verlust der westpreußischen Heimat, das Kappen der Wurzeln für meine Eltern und ihre Geschwister bedeutete, wird die Generation meines Vaters diesen Verlust der wolhynischen Heimat, die Traumatisierung und Sehnsucht bei ihren Eltern, Onkeln und Tanten gespürt haben, viel mehr noch, als ich, der schon mit Zeitung, Rundfunk und Fernseher aufgewachsen bin und nicht die dunklen, eisigkalten Abende und Nächte am Herd- oder Kaminfeuer erlebt habe, den Geschichten der Eltern und Großeltern, der Gäste und Verwandten aus der kalten Heimat lauschend, die noch viel weiter im Südosten in einer anderen Zeit längst verloren und vergangen war.
Es sind die ganz persönlichen Erinnerungen eines Menschen, der mit 11 Jahren mit seiner Mutter und der kleiner Schwester auf die Flucht ging und die Mutter in fremder Erde begraben und zurücklassen mußte.
1975 waren wir erstmals wieder in der alten, nun polnischen Heimat und haben versucht, das Grab zu finden. Es ist meinem Vater 30 Jahre später aus dem Gedächnis heraus gelungen. Die Gegend ist mit der, in der ich heute in Mecklenburg lebe gut vergleichbar. Hügelig, vielfach bewaldet, sehr einsam... Das Grab liegt auf einem völlig überwaldeten Hügel, einem ehemals evangelischen Friedhof, von dem nur noch ein paar uralte gusseiserne Grabkreuze, das jüngste von 1858 datiert und ein paar steinerne Grabumrandungen zeugten. Von Dörfern, Weilern, Menschen weit und breit keine Spur!
Mein Vater fand das Grab nur noch, weil an seinem Kopfende eine in der Gegend sehr seltene, auf dem Friedhof einmalige Blautanne empor ragte, die sich als kleine Tanne in sein Gedächnis eingeprägt hat. Ein stattlicher Baum war sie geworden und ich glaube nicht, dass sie heute noch steht... Ob noch irgend etwas heute dort daran erinnert, das hier Menschen ihre letzte Ruhestätte gefunden haben? Ob ich das Grab noch finden würde? Die nächsten 35 Jahre sind ins Land gegangen..., aber sein schlichtes, stilles, leises: "Hier liegt meine Mutter...!", werde ich nie vergessen.
Es sind die ganz persönlichen Erinnerungen meines Vaters, von viel Leid, Unrecht und Verlusten geprägt, aber auch davon, dass es Menschen gab, die sich ihre Menschlichkeit und ihren Glauben bewahrten, indem sie anders dachten und handelten, als sich in den Kategorien Deutsch und Polnisch voneinander abzugrenzen... auf beiden, auf allen Seiten.
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!
Von daher richten sich diese Erinnerungen nicht - das ist einer anderen Instanz überlassen, wenn sie es denn will... - gegen andere Menschen, gegen niemanden...
Sie sind nur ganz einfach und ganz persönlich:
Erinnerungen an meine Kindheit in Löbau
Als Löbau 1920 zu Polen kam, votierten meine Großeltern väterlich und meine Eltern für Polen. D.h., sie nahmen die polnische Staatsangehörigkeit an, damit es ihnen – Mutter ausgenommen – als Wolynien - Deutsche nicht noch einmal so erging wie im 1. Weltkrieg, als sie ihren Hof an Russland verloren, Löbau ihre neue Heimat wurde.
Zwei Schwestern und ein Bruder meines Vaters wollten sich nicht dem polnischen Zwang beugen, verließen Westpreußen und fanden eine Heimstatt in Ostpreußen – so wie die komplette Familie meiner Mutter – sie natürlich ausgenommen – die Tergewisch verließ.
Onkel Waldemar, ein Bruder meines Vaters, damals 12-jährig blieb natürlich in Löbau – bis 1939. In Polen heranwachsend, unterlag er unter anderem der Militärpflicht, d.h. er musste beim polnischen Militär dienen. 1939 machte Polen mobil. Das war das Signal für ihn und seine Frau, sich nach Ostpreußen abzusetzen. Damit entzog er sich dem polnischen Gestellungsbefehl.
Es bedarf nicht vieler Fantasie, sich vorzustellen, dass ab 1920 die Uhren für die Deutschstämmigen anders gingen. Ich erinnere mich einer Begebenheit im November 1938: Mein Bruder Helmut und ich hielten Ausschau nach dem Storch, der uns ein Geschwister bringen sollte, unsere Schwester. Bei ihrer Namensgebung hatten meine Eltern darauf zu achten, dass der Name ins Polnische übersetzt werden konnte. Das Standesamt trug nur polnische Vornamen ins Register ein. Aber das war nicht alles. Die Polonisierung von Namen – auch Nachnamen – zog weitere Kreise und hatte gelegentlich komische Züge (mit für uns bitterem Beigeschmack): Post aus dem Reich an meinen Vater, mit Vornamen und Nachnamen, wurde korrigiert. Sein Vorname, Albert, war durchgestrichen. Man zwang ihn, sich Woidek zu nennen. Wolle er den Rufnamen Albert beibehalten, müsse er nach Deutschland auswandern, wie man ihm bedeutete.
Da die Stimmung gegen Deutschland wenig gut war, war sie auch nicht gut gegen die Bürger deutscher Herkunft. Sie wurden bespitzelt. Gewarnt, verhielt man sich entsprechend. Unser Hof lag abseits des Ortes, d.h., wer uns daheim belauschen wollte, musste einen Spaziergang auf sich nehmen. Man ist oft zu uns spaziert. Fußspuren haben die Lauscher unter unseren Fenstern, unter denen abends stets der Boden geharkt wurde, entlarvt. Nachbarn hatten es uns gesteckt, Polen! D.h. nicht alle Polen waren gegen uns! Ich habe noch immer das Bild vor Augen, als ein Nachbar – ein Pole – mit der Peitsche Polinnen von unserem Kornfeld vertrieb, die Ähren von den Garbenhocken schnitten.
Im Sommer 1939 erlebte die Garnisonsstadt Löbau eine große Parade. Ich erinnere mich besonders an die Teilnahme einer Kavallerieabteilung, bewaffnet mit Lanzen und Degen. Das war wohl ein Vorbote für den 31.8.1939. Da erschienen drei bewaffnete Soldaten auf Fahrrädern bei uns auf dem Hof, sprachen kurz mit unserem Vater und bezogen – wohl des guten Sichtfeldes nach Bischwalde wegen – Stellung in unserem Kartoffelfeld. Unterstützend flog ein kleines Militärflugzeug ziemlich tief zweimal die Gegend ab. Der Spuk fand ein Ende, als ein vierter Soldat, sehr eilig, seine drei Kameraden vom Feld holte. Am 1.9.39, gegen 6 Uhr, erfuhr mein Vater von einem Nachbarn, deutsche Soldaten seien in der Stadt. Diese Nachricht erschien meinem Vater unglaubwürdig – es war kein Schuß gefallen, ganz zu schweigen von Kampfhandlungen. Doch sie stimmte. Die polnischen Soldaten hatten offenbar die Stadt rechtzeitig verlassen.
Die Straße von Bischwalde nach Löbau war ein paar Tage voll von Kolonnen deutscher Soldaten – Rheinländer und Westfalen. Wir waren frei und durften wieder deutsch sein, deutsch nicht nur in der Familie und der ev. Kirche reden, sondern in der Öffentlichkeit – ohne Angst zu haben.
Angstfrei sahen viele Polen die neue Situation gewiß nicht. Diejenigen, die sich 1920 deutschen Eigentums bemächtigt hatten, mussten es zurückgeben. Diejenigen, die sich Deutschen gegenüber etwas zu schulden hatten kommen lassen, verloren ihren Besitz. Sehr hart traf es die jüdische Bevölkerung. Sie wurde abtransportiert, ihre Synagoge wurde zerstört und ihr Friedhof zu Ackerland gemacht.
Ein großer Teil Polen, die wir kannten, wollten „eingedeutscht“ werden. Dazu bedurften sie des Nachweises eines deutschen Vorfahren und der Führsprache eines Löbau-Deutschen. Damit hatten sie als Volksdeutsche die gleichen Rechte und Pflichten wie ein Deutscher. Das bedeutete damals, sie konnten zur Wehrmacht eingezogen werden und mussten u.U. im Kampf ihr Leben lassen.
All die beschriebenen Verwaltungsakte gingen von deutschen Beamten aus, die mit ihren Familien aus dem Reich gekommen waren und alle Verwaltungsstellen besetzten. Es galt wieder deutsches Recht.
Das Leben ging nach ein paar Wochen scheinbar seinen normalen Gang, zumindest für mich. Nach ½ Jahr Kindergarten kam ich 1940 mit 7 Jahren in die Schule. 9-jährig fuhr ich mit dem Zug von Löbau zur Erholung in ein Kinderheim am Frischen Haff – meine erste Trennung von der Familie.
Obwohl noch keine 10 Jahre alt – das vorgeschriebene Eintrittsalter – ging ich zum Jungvolk. Ich wollte meinen Brüdern nicht allzu sehr nachstehen – der eine war bei der HJ, der andere Soldat. Außerdem reizte die Uniform. Und Spaß hat mir die Mitgliedschaft bei Sport und Spiel auch noch gemacht.
Im Herbst 1944 ging die scheinbare Ruhe, die 39 eingekehrt war, zu Ende. Wir Schulkinder mussten zur Kartoffelernte, Bauernfuhrwerke holten uns ab. In der Kaserne mussten wir Strohsäcke mit Stroh füllen, weil die Soldaten – Marineinfanteristen – die sich nur kurze Zeit zur Ausbildung in Löbau aufhielten, dazu nicht kamen. Die Bauern mussten im Kreisgebiet Gespanndienste leisten. Ich erinnere mich, wie mein Bruder und ich gelegentlich nach einer solchen Verrichtung in die Dunkelheit kamen und nur mit großer Mühe nach Hause fanden, wo unsere besorgten Eltern auf uns warteten. Ihre Sorge war begründet, die Straßen waren nicht mehr sicher.
Im Dezember 1944 wurde die Schule zum Teil als Lazarett genutzt oder als Unterkunft. Im Januar 1945 zogen die ersten Flüchtlingstrecks durch die Stadt. Und dann ging es los Straßensperren, Erdunterstände und Schützengräben anzulegen. Unser Feld wurde dabei nicht geschont. Die Arbeit war schwer, der Boden war hart gefroren.
Unser Vater war zu der Zeit fast nur noch auf dem Amt. Am 18. Januar 1945 kam er so gegen 10 Uhr nach Hause und sagte, wir sollten den Wagen fertig machen und für die Flucht packen. Am 19. Januar 1945, gegen 8 Uhr, kamen 3 Soldaten mit aufgepflanztem Seitengewehr auf den Hof und gaben das Zeichen zur Abfahrt. Der Hofhund, der mitkommen sollte, blieb am Zaun stehen und schaute uns nach.
Unser Vater hat sich von uns auf dem Marktplatz von Löbau verabschiedet. Seine letzten Worte, zur Mutter gewandt, waren: „Wird es ein Wiedersehen geben?“ Dann ging der große Treck los, Angst und Gefahren lagen vor uns.
Meine Eltern sollten sich nicht wiedersehen!
Alfred Brandt
(geb. 11.04.1933, JB)
--
JB
gesamter Thread:
- Brandt aus Antonowka (Rozyszcze, Luck) -
Jürgen Brandt,
15.01.2010, 23:38
- Re: Brandt aus Antonowka (Rozyszcze, Luck) -
Gerhard König,
15.01.2010, 23:53
- Re: Brandt aus Antonowka (Rozyszcze, Luck) -
Jürgen Brandt,
16.01.2010, 00:05
- Re: Brandt aus Antonowka (Rozyszcze, Luck) - Jürgen Brandt, 16.01.2010, 00:34
- Re: Brandt aus Antonowka (Rozyszcze, Luck) -
Jürgen Brandt,
16.01.2010, 00:05
- Re: Brandt aus Antonowka (Rozyszcze, Luck) -
Manfred Venzke,
21.01.2010, 19:23
- Re: Friedhof Antonowka (Rozyszcze, Luck) -
Gerhard König,
21.01.2010, 23:01
- Re: Friedhof Antonowka (Rozyszcze, Luck) - Manfred Venzke, 25.01.2010, 20:32
- Re: Friedhof Antonowka (Rozyszcze, Luck) -
Gerhard König,
21.01.2010, 23:01
- Re: direkte Linie: Brandt aus Antonowka (Rozyszcze, Luck) -
Jürgen Brandt,
24.01.2010, 18:04
- Re: BRANDT, Michael & MARTIN, Amalie - Regina Steffensen, 25.01.2010, 19:30
- Re: NEUMANN, Karl & STELTZER, Luise - Regina Steffensen, 25.01.2010, 20:26
- Re: BRANDT, Adolf & NEUMANN, Wilhelmine Christine -
Regina Steffensen,
25.01.2010, 21:14
- Re: BRANDT, Adolf & NEUMANN, Wilhelmine Christine - Jürgen Brandt, 25.01.2010, 22:14
- Re: STELZER, Daniel - Bruder von Luise -
Regina Steffensen,
26.01.2010, 13:59
- Re: STELZER, Daniel - Bruder von Luise -
Claudia Löbnau,
26.01.2010, 21:28
- Re: STELZER, Daniel - Bruder von Luise -
Diethard Kolewe,
26.01.2010, 21:48
- Re: STELZER, Daniel - Bruder von Luise - Claudia Löbnau, 26.01.2010, 22:10
- Re: STELZER, Daniel - Bruder von Luise -
Diethard Kolewe,
26.01.2010, 21:48
- Re: STELZER, Daniel - Bruder von Luise -
Claudia Löbnau,
26.01.2010, 21:28
- Re: NEUMANN, Gottlieb & Friedericke -
Regina Steffensen,
26.01.2010, 14:13
- Re: NEUMANN, Gottlieb & Friedericke - Ernest Dac, 15.06.2014, 00:26
- Re: aufgefächert: Brandt Antonowka -
Jürgen Brandt,
24.01.2010, 18:38
- Re: Kinder für Adolf BRANDT & Wilhelmine Christine NEUMANN -
Regina Steffensen,
26.01.2010, 14:03
- Re: Kinder für Adolf BRANDT & Wilhelmine Christine NEUMANN -
Martina Kreuter,
29.09.2010, 03:51
- Re: Kinder für Adolf BRANDT & Wilhelmine Christine NEUMANN -
Jürgen Brandt,
29.09.2010, 17:04
- Re: Kinder für Adolf BRANDT & Wilhelmine Christine NEUMANN - Christian Liebscher, 18.07.2011, 19:12
- Re: Kinder für Adolf BRANDT & Wilhelmine Christine NEUMANN -
Jürgen Brandt,
29.09.2010, 17:04
- Re: Kinder für Adolf BRANDT & Wilhelmine Christine NEUMANN -
Martina Kreuter,
29.09.2010, 03:51
- Re: Kinder für Adolf BRANDT & Wilhelmine Christine NEUMANN -
Regina Steffensen,
26.01.2010, 14:03
- Re: Erinnerungen meines Vaters Alfred Brandt -
Jürgen Brandt,
24.01.2010, 23:28
- Re: Erinnerungen meines Vaters Alfred Brandt -
Martina Kreuter,
28.09.2010, 22:04
- Re: Erinnerungen meines Vaters Alfred Brandt -
Jürgen Brandt,
29.09.2010, 14:00
- Re: Erinnerungen meines Vaters Alfred Brandt - Jürgen Brandt, 29.09.2010, 14:03
- Re: Erinnerungen meines Vaters Alfred Brandt - Jürgen Brandt, 29.09.2010, 14:08
- Re: Erinnerungen meines Vaters Alfred Brandt - Jürgen Brandt, 29.09.2010, 14:28
- Re: Bericht Wolhynienreise -
Gerhard König,
29.09.2010, 14:36
- Re: Bericht Wolhynienreise - Jürgen Brandt, 29.09.2010, 14:54
- Re: Erinnerungen meines Vaters Alfred Brandt - Jürgen Brandt, 29.09.2010, 14:40
- Re: Erinnerungen meines Vaters Alfred Brandt - Jürgen Brandt, 29.09.2010, 14:49
- Re: Erinnerungen meines Vaters Alfred Brandt -
Els Günther,
25.11.2014, 22:44
- Re: Erinnerungen meines Vaters Alfred Brandt - Martina Kreuter, 26.11.2014, 17:33
- Re: Erinnerungen meines Vaters Alfred Brandt -
Jürgen Brandt,
29.09.2010, 14:00
- Re: Erinnerungen meines Vaters Alfred Brandt -
Martina Kreuter,
28.09.2010, 22:04
- Re: Brandt aus Antonowka (Rozyszcze, Luck) - Ingeborg Schiemann, 11.03.2010, 14:37
- Re: Brandt aus Antonowka (Rozyszcze, Luck) - Jürgen Brandt, 24.03.2010, 14:17
- Re: Brandt aus Antonowka (Rozyszcze, Luck) -
Gerhard König,
15.01.2010, 23:53
