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Re: Heiratsalter

Gerhard König ⌂, Montag, 20.09.2004, 20:18 (vor 7863 Tagen) @ Waldemar Wolff

Waldemar,

habe am Wochenende mal wieder etwas Zeit zum Lesen gehabt und fand für Dich und sicher auch für manch anderen Interessierten zwei bemerkenswerte Textstellen zum Thema "Heiraten in Wolhynien". Ganz so genau nahm man scheinbar das Alter nicht und ich revidiere hier gern meine ursprüngliche Antwort.

Gerhard

Quelle: von ROSEN, Hans Frhr.: Wolhynienfahrt 1926. Siegen 1982, Schriften der J.G. Herder-Bibliothek Siegerland e.V., Bd.10

Die wandernde Gruppe hatte in Rozyszcze bei Pastor Reinhold Henke die Gelegenheit, in die Kirchbücher zu schauen. In der Beschreibung des Hans von Rosen heißt es auf der Seite 49:

... Es wurde allgemein sehr früh geheiratet, vor dem Kriege die Burschen mit etwa 21 Jahren, die Mädchen mit 16 - 18. Die schwierigen Nachkriegsverhältnisse schoben das Heiratsalter jetzt auf 24 - 25 bzw. 20 - 21 Jahre hinauf. Der Anteil unehelicher Geburten war außerordentlich gering und es wurde sehr darauf geachtet, daß auch der Bräutigam "ledig", d.h. geschlechtlich unberührt in die Ehe ging - andernfalls durfte er nur ohne Strauß zum Altar treten, die Frau aber ohne Schleier und Kranz.

Wie die Paare sich kennenlernten und die Trauungen vollzogen wurden beschreibt der o.g. Autor u.a. auf der Seite 55:

... Die Trauungen fanden ... überwiegend in der Kirche statt, die Hochzeitsgesellschaften kamen dreißig und mehr Kilometer weit dazu gefahren. Dabei wurden oft mehrere Brautpaare gleichzeitig getraut. Senior Jakob Fuhr berichtet, daß er einmal sechzehn Paare zugleich trauen mußte, natürlich mit nur e i n e r Ansprache ... jedenfalls wurde uns erzählt, daß bei einer solchen Massentrauung lange vor dem ersten Weltkrieg einmal zwei Paare "über Kreuz" getraut worden seien, die Betroffenen es aber nicht gewagt hätten, die heilige Handlung zu unterbrechen. Als sie es hinterher dem Pastor sagten und dieser sich bereit erklärte, das Versehen zu bereinigen, hätten die jungen Leute geantwortet: "Nein. Was Gott zusammenfügt, soll der Mensch nicht voneinander scheiden!" Sie haben dann den gemeinsamen Lebensweg mit einem ursprünglich nicht vorgesehenen Partner angetreten und wahrscheinlich auch zu Ende geführt. Ein solches Verhalten wird begreiflich, wenn man bedenkt, daß Ehen oft durch den "Brautwerber" geschlossen wurden und die jungen Eheleute sich manchmal vorher überhaupt nicht kannten.


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