Feldforscher und Buchautor Alfred CAMMANN
Da ich in den letzten Tagen und Wochen von verschiedener Seite gefragt worden bin, möchte ich an dieser Stelle eine kleine Zusammenstellung zur Person von Alfred Cammann bringen.
Gerhard
Als Antwort auf: Feldforscher und Buchautor Alfred CAMMANN von Gerhard König am 23. Juni 2003 11:59:39:
CAMMANN-ARCHIV
Das Institut für Heimatforschung in Rotenburg/Wümme übernahm das umfangreiche Archiv des bekannten Forschers und Buchautors Alfred Cammann.
Aus einer Beschreibung von Dr. Günter Petschel, Leiter des o.g. Institutes:
"Die Gesamtbestände des Cammann-Archivs beanspruchen etwa 92 laufende Meter Regalbrettfläche und setzen sich zusammen aus Tonbändern, Korrespondenzen, Bildmaterial, Manuskripten und Druckfahnen, einer Spezialbibliothek, sowie einer Gruppe verschiedener Kleinbestände.
1. Die Tonbänder
Es sind insgesamt 311 Tonbänder vorhanden. Aufgezeichnet sind hier etwa 1200 Befragungen, die Cammann während seiner Feldforschungsreisen seit den fünfziger Jahren durchgeführt hat. Eine erste Orientierung läßt erkennen, daß inhaltlich folgende Bereiche tangiert werden: Erzählforschung (mit den "klassischen" Gattungen Märchen, Sage, Legende, Schwank, Witz, Sprichwort, Redensart, aber auch unkonventionelle Erzählinhalte, die dem Bereich des alltäglichen Erzählens zuzuordnen sind und anderes mehr), Liedforschung (insbesondere Volkslied und geistliches Lied), Brauch-, Kleidungs-, Nahrungs-, Volksmedizin- und Volkskunstforschung. Es bleibt jedoch festzustellen, daß die mit den Befragungen erhobenen Materialien fast nie um ihrer selbst willen gewonnen worden sind. Sie stehen meistens in Verbindung mit dem persönlichen, oft sehr harten Schicksal und Erleben der Befragten. So enthalten die Tonbandaufzeichnungen auch eine Fülle von autobigraphischen Darstellungen, Schicksals- und Erlebnisberichten, die Einsichten in Fragen der Gruppenidentität und der Integration in alter und neuer Heimat ermöglichen.
2. Die Korrespondenzen
Die Korrespondenzen, die Alfred Cammann häufig ergänzend, oft aber auch unabhängig von den Tonbandaufnahmen geführt hat, ergeben 810 prall gefüllte Sammelmappen. Hier findet man ähnliche Inhalte wie bereits bei den Tonbandaufnahmen. Neben Schicksalsberichten dominieren Volkserzählungen, Liedertexte, Brauchbeschreibungen, Nahrungsgewohnheiten. Wichtig erscheint in diesem Zusammenhang jedoch noch ein weiterer Aspekt. Die Korrespondenzen dokumentieren Methode und Arbeitstechnik des Feldforschers Cammann.
3. Das Bildmaterial
Die Sammlung der zum großen Teil von Alfred Cammann erstellten Foto-Aufnahmen setzt sich aus Schwarz-Weiß- und Farbnegativen, Schwarz-Weiß- und Farbpostivvergrößerungen und Diapositiven zusammen. Die Gesamtzahl beläuft sich auf etwa 8.000, darunter schätzungsweise 1.700 Dias. Die restlichen Aufnahmen sind etwa zur Hälfte Positive und Negative. Berührt werden die Regionen Ostpreußen, Westpreußen, Schlesien sowie deutschsprachige Gebiete in der Sowjetunion, Rumänien, Ungarn und der Tschechoslowakei. Ein großer Teil der Aufnahmen und Gewährsleute, Erzählsituationen, Arbeitsvorgänge, Feste, Bräuche, Kleidung und Tracht, Tanz, Spiel, dingliches Kulturgut aus dem Bereich Volkskunst, städtische und ländliche Siedlungen, Gebäude und anderes mehr.
4. Die Bibliothek
Die mit dem Archiv übergebene Handbücherei hat einen Bestand von mehr als 2.000 Bänden. Ein Teilbestand läßt sich unter dem Oberbegriff Geschichte und Nachbarwissenschaft subsumieren. Ein weiterer Teilbestand enthält volkskundliche Publikationen mit dem Schwerpunkt Erzählforschung. Faßt man die Zeitschriften gesondert, so lassen sich die übrigen Buchbestände nach regionalen Gesichtspunkten ordnen. Es sind Veröffentlichungen, welche die eigenständige Kultur der früheren deutschen Ostgebiete behandeln. ...
Vorrangig müssen die gesamten Bestände erschlossen werden. Erst nach Beendigung dieser Erschließungsarbeiten kann das Cammann-Archiv auch wissenschaftlich genutzt werden. Zur Zeit sind drei Teilzeitkräfte mit diesen Arbeiten beschäftigt. Auf längere Sicht ist eine Sicherung der teilweise mehr als dreißig Jahre zurückliegenden Tonbandaufnahmen anzustreben. Sinnvoll wäre die Anfertigung von Sicherungskopien.
Die genannten Bestände des Cammann-Archivs bieten nach ihrer Erschließung, soweit sich jetzt erkennen läßt, Vorraussetzungen für vielerlei weiterführende Arbeiten. Ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit lassen sich in diesem Zusammenhang schon jetzt erkennen:
- Materialeditionen,
- Untersuchungen zur Kultur- und Sozialgeschichte verschiedener Vertriebenen- und Aussiedlergruppen,
- Untersuchungen zu Fragen der Integration und Identität von Vertriebenen und deutschstämmigen Aussiedlern in der alten und neuen Heimat,
- Untersuchungen zu Methoden und Techniken volkskundlicher Feldforschung und anderes mehr.
Adresse des Archives:
Institut für Heimatforschung
27356 Rotenburg/Wümme
Telefon: 04261/83767
Link zur Stadt Rotenburg/Wümme
http://www.bellco.de/wuemme/inhalt/stadt.html
Als Antwort auf: Das CAMMANN - Archiv von Gerhard König am 23. Juni 2003 12:02:39:
Die zitierte Beschreibung von Dr. Günter Petschel zum Cammann-Archiv stammt etwa aus den Jahren 1986/87.
Dieser Beitrag stammt aus dem Jahr 2003. Da einige Forscher nach Bildern fragen, erinnerte ich mich an das CAMMANN-Archiv.
Adresse:
CAMMANN-Archiv im
Institut für Heimatforschung
Am Schloßberg 6
27356 Rotenburg (Wümme)
Telefon/Fax: 04261 83767
Ansprechpartner: Ludmilla Mischok & Sabrina Tappe
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Der Umfang an Bildmaterial und Aufzeichnungen aus Wolhynien wurde bisher nicht veröffentlicht. Bekannt sind die zwei Bücher von Alfred CAMMANN: "Heimat Wolhynien Teil 1 + 2"
Meine Frage:
Wer wohnt in der Nähe von Rotenburg (Wümme) und kann Kontakt zu diesem Institut aufnehmen?
gerhard
Re: Das CAMMANN - Archiv
Reinhard Wenzel
, Samstag, 03.03.2012, 23:58 (vor 5136 Tagen) @ Gerhard König
Sehr geehrter Herr König, Celle, d. 03. 03. 2012
Ist es Ihnen möglich, die u. a. Fragen zu den Eltern von Alfred Cammann zu beantworten?
Mit bestem Dank und herzlichen Grüßen!
Ihr Reinhard Wenzel
Sehr geehrte, liebe Listenteilnehmer, Celle, d. 03. 03. 2012
Herr Prof. Dr. Jähnig hat mich gebeten, an der Beschaffung der genauen Elternangaben für Alfred Cammann (1909-2008) mitzuhelfen. Bei Alfred Cammann handelt es sich um den sog. "Märchen-Cammann", der viele Märchen aus Westpreußen gesammelt und veröffentlicht hat. Alfred Cammann war zudem Mitglied der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung.
Kann jemand zu den mitgeteilten Eltern weitere Angaben machen?
Was den Bereich in Celle und Umgebung betrifft, werde ich mit der Leiterin des Stadtarchivs Celle, Frau Sabine Maehnert, ... Kontakt aufnehmen, die sogleich eine Kopie dieser Mail erhält.
Ist jemand von dem Mitlesern Mitglied der MAUS in Bremen und könnte von daher etwas über die Sterberegister in Bremen sagen? Immerhin sollen die Eltern von Alfred Cammann kurz nach dem 2. Weltkrieg in Bremen gestorben sein.
Mit bestem Dank und herzlichen Grüßen!
Ihr Reinhard Wenzel
-------- Original-Nachricht --------
Betreff: Re: Alfred Cammann
Datum: Sat, 03 Mar 2012 22:50:05 +0100
...
Lieber Herr Wenzel!
Ihr Wohnort Celle veranlaßt mich, Sie in folgender Angelegenheit um Unterstützung zu bitten. Für die Altpreußische Biographie werde ich einige Artikel selber schreiben. Dazu gehört der über Alfred Cammann (1909-2008). Mein Versuch, für den genealogische Kopf nähere Angaben von der Familie (Witwe und Tochter) zu erfahren, erbrachte für Cammanns Eltern hinsichtlich der Daten nur ca.-Angaben. Ich zitiere mal einfach, was ich erfahren habe:
V.: Emil C., Rektor, * Eschede bei Celle ca. 1875, + Bremen ca. 1946.
M.: Frieda C. geb. Dökel, * Münder am Deister ca. 1878, + Bremen ca. 1949
Nach Flucht und Vertreibung hat sich Familie C. in Bremen, der Heimat von Frau C., wiedergetroffen, so daß seine Eltern dort wohl erst nach dem Krieg ansässig geworden sind. Daher vermute ich, daß Vater C. in Niedersachsen Rektor gewesen ist, wenn nicht sogar in der Nähe von Celle. Ob Sie daher eine Möglichkeit sehen, genauere Angaben zum Vater zu ermitteln?
Mit herzlichem Dank und Grüßen
Ihr Bernhart Jähnig
--
Prof. Dr. Bernhart Jähnig
Karolinenstraße 1
D - 14165 Berlin
Tel. 030/8014450>>>
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Korrektur: Emailadressen lt. Forumregeln gelöscht.
Re: Das CAMMANN - Archiv
Holger Holthausen
, Sonntag, 04.03.2012, 17:13 (vor 5136 Tagen) @ Reinhard Wenzel
Hallo Forumleser,
das Bremer Staatsarchiv besitzt die alte
Einwohnermeldekartei für den angefragten Zeitraum.
http://www.staatsarchiv-bremen.de/
Wer ein "berechtigtes Interesse" glaubhaft macht,
kann eine kostenpflichtige Kopie (ca. 14,- Euro)
erhalten.
Die Einwohnermeldekartei enthält reichhaltige Angaben,
das Forscherherz müßte beim Studium höher schlagen
Viel Erfolg wünscht
Holger (G.F. Holthausen)
Bremen
Re: Das CAMMANN - Archiv
Gerhard König
, Sonntag, 04.03.2012, 21:32 (vor 5135 Tagen) @ Reinhard Wenzel
Guten Tag Herr Wenzel,
in den mir vorliegenden Schreiben von Herrn Cammann sind keine Angaben zu seinen Eltern zu finden.
Mit freundlichen Grüßen
Gerhard König
Re: Das CAMMANN - Archiv
Diethard Kolewe
, Dienstag, 06.03.2012, 00:40 (vor 5134 Tagen) @ Reinhard Wenzel
Hallo Herr Wenzel,
Ich habe in Bremen einen entfernten Verwandten wohnen, der Ihnen eventuell helfen kann. Leider hat er z.Z. einen Trauerfall in der Familie und kann sich nicht persoenlich melden. Sie koennen ihn aber anrufen :
Hans Schwarzwaelder, Bremen, Tel-Nr 0421/543971.
Gruss,
Diethard
Re: Kurzbiographie Alfred CAMMANN
Gerhard König
, Montag, 23.06.2003, 13:31 (vor 8313 Tagen) @ Gerhard König
Als Antwort auf: Feldforscher und Buchautor Alfred CAMMANN von Gerhard König am 23. Juni 2003 11:59:39:
Kurzbiographie zu Alfred Cammann
Quellen:
1) Laudation auf Alfred Cammann zur Verleihung des Ostpreußischen Kulturpreises 1994, abgedruckt im Ostpreußenblatt
2) Deutsches Schriftsteller Lexikon, 2002
3) Brief von Alfred Cammann, März 2003
Alfred Cammann wurde am 9. August 1909 in Hann. Münden, sozusagen an der Märchenstraße, geboren. An den Universitäten Göttingen, Königsberg und München studierte er Germanistik, Geschichte und Sport. Wie zu dieser Zeit üblich, ging er für ein "Ostsemester" im Sommer 1930 nach Königsberg an die ehrwürdige Albertina. Die Professoren Rothfels, Weber, Nadler und Worringer, der Herderforscher Dobbek als Seminarleiter und der Historiker Gause als Fachleiter für Geschichte haben in Königsberg den Grundstein gelegt für Cammanns Lebenswerk.
Die Referandarzeit in Stallupönen und in Königsberg, schließlich ber auch die erste Stelle am gymnasium in Marienwerder, wo er gleichzeitig als Assistent am Heimatmuseum wirkte, boten Gelegenheit, das Land und die Menschen gründlich kennenzulernen. Gemeinsam mit seiner Frau Luise, die ihm bis heute eine treue Weggefährtin ist und ihn in seiner Arbeit unermüdlich unterstützt, erwanderte sich Cammann das Land der Wälder und Seen, besuchte die schmucken Dörfer und stattlichen Städte, sprach mit den Menschen.
1937 dann kam es zu einer Begegnung, die den Lebensweg Alfred Cammanns entscheidend prägen sollte. Ein Freund berichtete von seinem 73 Jahre alten Großvater, der für sein Leben gern Geschichten erzählte: Karl Restin aus Stuhmerfelde. Die Märchen und Geschichten dieses Mannes, erzählt an langen Abenden in der Kate des Land- und Waldarbeiters, fanden ihren Niederschlag in Cammanns erstem Buch "Westpreußische Märchen", das 1961 erschien.
In Stalingrad auf eine Mine gefahren und stark gehbehindert, kehrte Cammann aus dem Krieg zurück und ließ sich mit seiner Familie in Bremen nieder. Dort gelang ihm wieder der Anschluß an die volkskundliche Wissenschaft, dort kam es schließlich auch zu wichtigen Begegnungen mit heimatvertriebenen Ost- und Westpreußen, so daß der Niedersachse seine Arbeit in der Erzählforschung fortsetzen konnte.
In Eigeninitiative gründete er die "Forschungsstelle für Volkskunde in Bremen und Niedersachsen". Hauptberuflich war Cammann als Oberstudienrat am Bremer Gymnasium, Hamburger Straße beschäftigt.
In zahlreichen Schriften, Vorträgen und Veröffentlichungen widmete Alfred Cammann sich in dieser Zeit der volkskundlich-ethnologisch-anthropologischen Forschung. Immer wieder begegnet er Menschen, die ihm Geschichten erzählen, die ihm Hinweise geben, wo er fündig werden könnte. Als seine "Westpreußischen Märchen" 1961 erscheinen, wird Alfred cammann auch international als Sammler bekannt. Er ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde und der International Society for Folk Narrative Research. Zahlreiche Ehrungen sind ihm für seine Arbeit zuteil geworden, so u.a. der Europa-Preis für Volkskunst der Hamburger Stiftung F.V.S., und die Ehrengabe des Georg-Dehio-Preises der Künstlergilde.
Seine Bücher zeichnen sich vor allem dadurch aus, daß der Sammler dem Erzähler den Vorrang läßt, den unverwechselbaren Sprachstil erhält. Das soziale Umfeld des Erzählers ist gleichermaßen von Bedeutung wie der Inhalt der Überlieferung. So sind seine Publikationen von wissenschaftlicher Akribie und dennoch auch für ein breites Leserpublikum geschaffen.
Auszug aus den bisher erschienenen fast 20 Titeln:
- Westpreußische Märchen, Berlin 1961
- Deutsche Volksmärchen aus Rußland und Rumänien, Göttingen 1967
- Die Welt der niederdeutschen Kinderspiele, 1970
- Märchenwelt des Preußenlandes, 1973
- Donauschwaben erzählen, Band 1-4, 1976-1980
- Ungarndeutsche Volkserzählung, Marburg 1982
- Heimat Wolhynien I,II, Marburg 1985,1988
Im hohen Alter von 94 Jahren ist Alfred Cammann fleißig dabei, weitere Bücher zu schreiben und zu veröffentlichen.
