Re: Deportierung 1915 nach Beresowo

WiTaimre, Freitag, 11.05.2007, 23:37 (vor 6930 Tagen) @ Annelie Møller


Als Antwort auf: Deportierung 1915 nach Beresowo von Annelie Møller am 26. April 2007 18:35:00:


Hallo nach Daenemark :.)
Du fragst:
Ich habe mir gedanken gemacht, ob es damals bestemmte regeln gab, wo die armen leute hinkamen, oder hat der zug einfach gehalten und man hat gesagt: "die nächtsten 50 raus"?? - und so weiter.

- nach Deinen Angaben (1915 nach Beresowo) wurden Deine Leute im Zug der politischen Unruhen in die Region am Ob deportiert, noch unter den Zaren. Damals hatte man nur die Auflage, sich dort irgendwie in einem Radius von ca.40 km unterzubringen und von dem, was man zu arbeiten findet, zu leben. Sie mussten sich nur regelmaessig bei einer Kommandantur als anwesend melden. Fortzulaufen war praktisch zwecklos wegen der riesigen Entfernungen und wegen der Angst vor Raubtieren unterwegs.

Wenn Du das Buch findest "Bericht aus einem Totenhause" von Dostojewski, der schildert das so aehnlich, dem war das auch passiert, 50 Jahre eher.

Es galt in Russland nicht als sehr ehren-schaedigend, mal deportiert worden zu sein und die Leute lebten auf dem Lande meistens noch sehr schlicht und oft nicht besser als jene Verbannten. Manche blieben dann auch auf immer dort wohnen.

Schlimmer wurde das Verbanntsein erst nach der Russ.Revolution, als in Kuerze halb Russland gefangen sass, vertrieben worden war oder in den Arbeits-Hungerlagern keinerli Freizeit mehr bekam, fuer sich was zu tun, und dann nachdem man das (vielleicht krank und schwach geworden) ueberlebt hatte, dort nahe des Lagers noch 15 oder 25 Jahre bleiben musste.

Diese Orte waren so entstanden, wie Du sagtest: der Zug hielt an, Leute raus, ob Sommer oder Winter, und wenn da noch nichts stand, dann musste die erste Generation der Verschleppten erstmal den Zaun, und dann Unterkuenfte, Kuechen und Baracken, selber bauen.

- Noerdlich am Ob bei Beresowo ist es klimatisch schlimm:
gewaltige Ueberschwemmungen hinterlassen nach einem Winter im Tieffrost eine viel-kilometer-weite Morast-Region. Im Herbst ab September fressen einen die Millionen Muecken an, und ab November bis Mai ist es wieder gewaltig kalt, am furchtbarsten im Januar und Februar mit unglaublich boese tobenden Stuermen. In hellen Winternaechten, die aber extrem lang sind, kann man Nordlichter und andere faszinierende Lichterscheinungen sehen, manche troestet das etwas. -
Der Sommer ist sehr hell und freundlich, aber zu kurz, um richtig was zu pflanzen und saeen, doch einige Gemuese gedeihen sehr schnell, Leute halten sich Huehner oder ein paar Schafe und Schweine zum Essen. Am Anfang tauschten Verbannte einige Sachen, die sie hatten mitnehmen koennen, gegen Essen. Dabei konnte man sich bei etwas Glueck anfreunden und nach Arbeiten fragen.

Zur Zeit Deiner Gosseltern war es sehr duenn besiedelt, aber die Menschen waren im Allgemeinen recht hilfbereit und berieten die Verbannten, wie man dort trotzdem leben kann. Nachher unter Lenin wurde es dem Volk verboten, Verbannten oder gar Gefangenen zu helfen und nett zu sein, vorher bekam man sogar als Haftanstalts-Gefangener oft Arbeit von der Bevoelkerung angeboten und dann auch gut zu essen. Sie hatten viel Mitleid.

Nachher wurden es zu viel Gefangene und aus der Bevoelkkerung selbst waren ja auch ziu viele deportiert und in staendiger Angst, nur ja nicht aufzufallen. Da wurde es sehr viel schwerer.

Ich habe mir auch gedanken gemacht, wenn ich einen Friedhof besuche, über die verschiedenen gräber mit soldaten, die gefallen ist im krieg. hier denke ich an deutschen, die hier in Dänemark begraben sind. - Ganz junge leute, ob die verschiedenen familien wissen, dass sie hier ruhen?

Ja, das ist im Allgemeinen den Familien bekannt, ich weiss z.B.wo mein Vater ruht und wo ungefaehr meines Bruders Vater begraben wurde, und unter welchen Umstaenden sie getoetet wurden.
Wir haben einen Rot-Kreuz-Suchdienst und eine Kriegsgraeber-Fuersorge, die sich liebevoll und sehr genau um alle solchen Nachrichten gekuemmert haben, seit ich lebe.
Dann gibt es von militaerischer Seite fuer Angehoerige ehemalsiger Soldaten auch noch in Berlin manche Auskuenfte ueber jemanden, wozu man aber wohl dessen Regiment und Feldpostnummer wissen sollte. Ich glaub, dann geht es besser.

Euer Daenemark ist zudem ein Land, das sich nicht derartig gegen Auskuenfte sperrte wie z.B.Sowjet-Russland.
Ich denke, wenn Du mal eine solche Staette besuchst und sprichst ein wenig zu jenen, die da ruhen, erzaehl einfach ein bisschen, was Dir einfaellt und bete vielleicht fuer deren Leben im Jenseits einen kleinen guten Gruss, das freut die.
mfG WiTaimre


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