Wladin, Rayon Pulin, Gebiet Nowograd-Wolynsk - verschiedene Namen

Michael Grohn ⌂ @, Sonntag, 13.08.2006, 21:39 (vor 7090 Tagen)

Hallo,

ich habe von einem Forscherkollegen einige Informationen über Wladin, Rayon Pulin, Gebiet Nowograd-Wolynsk erhalten, der vor Ort für mich einige Recherchen durchgeführt hat. Hier die Mail, die ich von ihm erhalten habe:

***** START *****

Am 30.Juli besuchte ich Wladin. ...
Wir fuhren mit einem Bus NW-Jaworiwka (vor dem Krieg hieß Dzikunka).
Ungefähr vor 15 Jahren fuhr der Bus weiter bis Wladin. Auf dem Halbweg
zwischen Lebediwka (Sloboda Tschernezka) stiegen wir aus und gingen
ca.3 km mit einem schmalen Feldpfad zu Fuß. Wladin ist jetzt ein sehr
kleines Dorf mit etwa 30 Höfen und 50-60 Einwohner meistens polnischer
Herkunft. Es gibt mehr keinen Laden im Dorf (das Gebäude steht noch, aber
ohne Türen und Fenster). Die Einwohner (fast alle sind Rentner) müssen zu
Fuß nach Jaworiwka gehen, um etwas zu kaufen. Wladin besteht aus zwei
Strassen: Chodorowska (führt nach Nord-Osten, Richtung Chodorowka) und
Brigadna (ist nach dem Krieg erschienen).

Zuerst gingen wir zum deutschen Friedhof am nördlichen Dorfrand. Zu
unserem Erstaunen ist er bis jetzt auf der Landkarte 1:100000
bezeichnet. Der Friedhof besetzt ein Grundstück ca.70:30 m und ähnelt
zur Zeit Dschungel. Wir haben dort 4 Grabsteine mit Inschriften und ein
eisernes Kreuz ohne Inschrift gefunden. Die Inschriften sind kaum
lesbar. Mehr mit den Fingern als mit den Augen ist es mir gelungen die
Texte durchzulesen:

1.?Hier Ruht in Gott

Wilhelm

LINDNER

geb. 2. Februar 1865

gest. 11. September 1918

Christus spricht

ich bin die

Auferstehung

und das Leben

wer an mich glaub/(?)/

der wird

nimmermehr sterben

obergleich /(?)/ Stinibe/(?)/?

2.?.....................................

GOLDE- MOT/(?)/KE

... 1862

... 1928/(?)/

/ /.........................?

3.?Hier Ruht

in Gott Adolf

PUFAL

geb. 14. Dec. 1875

ges. 19. März 1927

Wer auf Erden

geduldig gelitten

Der hat sich das ewige

Leben erstillten

ins Vetterhaus

Und ruhet von

Schmerzen und

Sorgen aus.?

4.(vorne) ?Hier Ruht in Gott

Franziska

GROHN

Siegert

geb. 29. Juni 1839

gest. 10. April 1901

Lebwohl

......... Mutti

Lebwohl für alle Zeiten?

(rechts) ?Hier Ruht

Petr

GROHN

geb. 12. Mai 1836

ges. 22. Juni 1902

Die richtig

gew.........

kommen

zum Frieden?

(links) ?Hier Ruht

Bernhart

GROHN

geb. 4. Feb. 1932

gest. 17. Juni 1936

Du warst das

Lieb.........

...........................

...........................?

Unser erster Gesprächspartner war Herr Albin Radziwill, geb. 1927 in
Dermanka (jetzt Dibrowka, 3 km nach Süd-Westen), wohnt in Wladin seit
1938: ?Damals bestand die Bevölkerung aus Deutschen, Polen und
Ukrainern. Das Dorf war ziemlich groß, viele Bauer wohnten zerstreut in
Vorwerken. Während des Krieges wanderten die deutschen Bauer zuerst nach
Tschishowka (bei NW) und später nach Deutschland aus. Und Ukrainer aus
Tschishowka zogen nach Wladin um. Im östlichen Teil des Dorfes stand
eine Schule. Ihr Gebäude war nach dem Krieg abgerissen, und aus dem Holz
wurde eine Schule in einem anderen Dorf aufgebaut. Eine Kirche stand im
Westen (während des Krieges ist verschwunden). Auf dem Weg nach Dermanka
befand sich eine Windmühle (noch vor dem Krieg ist verschwunden). Viele
Deutschen hatten Gärtnereien. In den 1930-er wanderten nach Wladin viele
Ukrainer ein. Meine ehemalige Schwiegertochter war eine deutschstämmige
Rosa Langer, die Vorsitzende vom Selsowjet (Dorfgemeinde) in Lebediwka.
Jetzt wohnt sie in Deutschland, ist ca.50 Jahre alt, wurde in Kasachstan
geboren, aber ihr Vater Friedalind /(?)/ stammte aus Wolhynien.? Er weiß
nicht genau, wo Rosa Langer wohnt.

Herr Stanislaw Swinzizki (geb. 1925 in Jaworiwka) erzählte uns: ?Als
deutsche Auswanderer vor vielen Jahren hierher ankamen, fragten sie
einen polnischen Landbesitzer, wie die künftige Kolonie zu nennen. Sein
Sohn hieß Wladek, deshalb nannten sie die Kolonie Wladin. 1927 kaufte
mein Vater ein Bauernhaus in Wladin bei Herrn Wagner, dessen Familie mit
noch einigen deutschen Familien nach Brasilien auswanderten. Viele
Deutschen sprachen gut Ukrainisch. Ich erinnere mich gut Holz Ejda, der
viele Dächer mit Streu deckte, einen Bauer Berend, dessen Frau Hebamme
war, einen Bauer Petrul (seine Frau sprach nicht Ukrainisch), einen
Schmid Gabert. Die Familie Grohn. Herr Grohn hatte ein Grundstück von 20
Hektar, Schweine, züchtete Hengste für die Rote Armee. In den 30-er
wurde er verhaftet und erschossen, und sein Eigentum war nationalisiert.
Damals Milizionäre in Dowbysch (das Regionalzentrum) ritten seine
Pferde. Seine Tochter Lejna /(?)/ war die Frau des Schuldirektors in
Wladin. Der Pastor Pufal war krebskrank, ist vor dem Krieg gestorben und
in Wladin beerdigt. Sein Sohn Oskar war auch krebskrank und ist irgendwo
in Donezkaja Oblast gestorben. Viele deutsche Familien wurden in den
30-er nach Sibirien und Kasachstan verschickt. 1935 kamen hierher viele
Freiwilligen aus anderen Regionen der Ukraine für den Grenzschutz an und
besetzen die leeren Häuser. Es war ein deutsches Kolchos
(Kollektivwirtschaft) ?Roter Bauer?. Die Verwaltung der Dorfgemeinde
befand sich im ehemaligen Haus von Miller. Der Vorsitzende der
Dorfgemeinde war Geisler (oder Heisler), der eine Windmühle bei Herrn
Dratsch kaufte.?

Alte Dorfbewohner nennen manche Ortschaften nach den Namen von
ehemaligen deutschstämmigen Nachbarn: ?die Brücke von Gabert? (über das
Flüsschen Lubjanka), ?Miller?, ?Petruliwske?.

Die letzte Deutsche Irma Kelbert (geb.1923) ist vor ungefähr 10 Jahren
in Wladin gestorben und auf dem Friedhof in Kamenny Brod beerdigt. Ihr
Bruder Alexander wohnte irgendwo in Kasachstan.
Ich weiß nicht genau, wie die obergenannten deutschen Namen buchstabiert
werden. Natürlich sind sie in ukrainischer Aussprache verfälscht.
...

***** ENDE *****

Vielleicht kann jemand von Euch Ergänzungen zu den im Text genannten Personen machen.

Viele Grüße
Michael


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