Dorf Gottliebsdorf
Diethelm Schwanke, Mittwoch, 19.07.2006, 21:26 (vor 7208 Tagen)
Ich suche nähere Informationen über das Dorf Gottliebsdorf. Gibt es einen Dorfplan und wie viele Einwohner hatte das Dorf um 1910?
Wovon lebten diese Menschen?
Wie viele Nationalitäten lebten in diesem Dorf?
MfG
DSchwanke
Re: Dorf Gottliebsdorf
Gerhard König
, Donnerstag, 20.07.2006, 00:57 (vor 7208 Tagen) @ Diethelm Schwanke
Als Antwort auf: Dorf Gottliebsdorf von Diethelm Schwanke am 19. Juli 2006 21:26:23:
Hallo Diethelm,
Informationen über das Dorf Gottliebsdorf.
Gern möchte ich Dir behilflich sein, aber bei Deiner Kurzfassung bin ich mir etwas unsicher, ob ein Ort im ehemaligen Wolhynien und hier welcher Ort gemeint ist. Diese Unsicherheit rührt daher, weil eine Vielzahl von deutschen Ortsnamen nicht überliefert bzw. erfaßt wurden; während des WWII Ortsnamen vergeben wurden, die vorher nirgends genannt wurden und in den offiziellen russischen und polnischen Ortsverzeichnissen kaum deutsche Ortsbezeichnungen standen.
Angaben zu vorliegenden Urkunden, der Name eines Pastors oder Kirchspiels, umliegende Ortschaften könnten hier behilflich sein.
Gibt es einen Dorfplan
In den Wolhynischen Heften erschien bisher keiner.
... wie viele Einwohner hatte das Dorf um 1910?
Lt. Stumpp-Karte (Stand um 1939) gab es ein Gottliebsdorf im Kirchspiel Emiltschin. Im russischen Ortsverzeichnis von 1911 steht kein Ort beginnend mit der Silbe "Gott~". Jerry Frank nennt in seinem Ortsindex Gottliebsdorf = Bogolubowka. Vergleiche ich mit der Wahl-Liste (Referenzdaten in der Odessa-Datenbank), dann werden hier die Bezeichnungen Bogolijubowka, Bogolobowka und Gottliebsdorf gleichgesetzt.
Im o.g. Verzeichnis von 1906 steht im Ujesd Nowograd-Wolynsk eine Kolonie Боголюбовка (= Bogoljubowka) zweimal drin, 1x im Wolost Эмильчинская(= Emiltschinskaja; mit 496 Einw.) und 1x im Wolost Пищевская (= Pischtschewskaja; mit 419 Einw.). Im Ujesd Luzk gab es ebenfalls ein Dorf Боголюбы (= Bogoljubui; 455 Einw.) und ein Chutor Боголюбовка (= Bogoljubowka; 19 Einw.); beide im Wolost Tortschin.
Hm, welcher Ort wird nun gesucht?
Wovon lebten diese Menschen?
Welchen Beruf hatten denn die gesuchten Personen?
Wie viele Nationalitäten lebten in diesem Dorf?
Wenn oben Wolost Tortschin zutreffend, dann kann in der polnischen Volkszählung nachgelesen werden. Die Angaben sind unter Vorbehalt zu betrachten, da bekanntlich ungenau. Wenn Emiltschin die richtige Region sein soll, dann ist mir keine Volkszählung bekannt bzw. liegen mir keine Angaben dazu vor.
gerhard
Re: Dorf Gottliebsdorf
Diethelm Schwanke, Donnerstag, 20.07.2006, 13:44 (vor 7207 Tagen) @ Gerhard König
Als Antwort auf: Re: Dorf Gottliebsdorf von Gerhard König am 20. Juli 2006 00:57:17:
herzlichen Dank für die schnelle Antwort. Mir liegt hier eine amtliche Übersetzung aus dem Russischen ins Deutsche vor. Ich würde Sie Dir gerne senden. Ich weis nicht, ob Du diese Mail öffnen kannst.
Die Daten sind nun folgende:
Gouvernement Wolhynien Kreis : Owrutsch, Kirchengemeinde Gorschtik. Ausgestellt hat dies die Evgl.-Baptistische Geminede am 1. Dezember 1912.
Prädiger Gez. G. Piltz
In dieser Gemeinde sind 7 Familienmitglieder geboren. Ich finde in den ganzen Geburtsregistern keinen Hinweis auf die Familie.
MfG
DSchwanke
Re: Dorf Gottliebsdorf
Gerhard König
, Freitag, 21.07.2006, 00:48 (vor 7207 Tagen) @ Diethelm Schwanke
Hallo Diethelm,
Mir liegt hier eine amtliche Übersetzung aus dem Russischen ins
Deutsche vor. Ich würde Sie Dir gerne senden. ...
Nimm meine Adresse lt. Impressum.
Die Daten sind nun folgende: Gouvernement Wolhynien, Kreis Owrutsch,
Kirchengemeinde Gorschtik. Ausgestellt hat dies die Evgl.-Baptistische
Geminede am 1. Dezember 1912. Prädiger Gez. G. Piltz
Vorab eine Frage an Dich: wie sicher bist Du Dir, daß dieses Gorschtik im Deutschen Gottliebsdorf genannt wurde? Oder ist es eine benachbarte Ortschaft gewesen?
Mit Deinen Angaben bestätigst Du meine gestrige Vermutung. Die Nennung von Gottliebsdorf in der Stumpp-Karte stammt aus den erfassten evang.-augsb. Kirchgemeinden innerhalb des St. Petersburger Konsistorium. (vgl. Kirchspiele 1909). Deine Vorfahren gehörten aber zu einer baptistischen Gemeinde.
Bei Don Miller "In the Midst of Wolves" (S.37ff) heißt es: "Horstschick war die erste deutsche Baptistengemeinde in Wolhynien, Russland. Offiziell begründet wurde diese Kirchgemeinde von Gottfried F. Alf, einem Pionier der Missionsarbeit in Rußland, am 19. Mai 1864. ... Zum Jahrhundertwechsel hatte diese Gemeinde 406 Mitglieder und 6 Stationen, und 1909 hatte sie insgesamt 821 Mitglieder." Ab 1911 predigte hier Heinrich J. Piltz.
Lt. russischem Ortsverzeichnis heißt es zu Горщикъ (= Gorschtschick, Horschtschick):
* 1888: Kolonie im Wolost Искоростской (= Iskorostskoi), Ujesd Owrutsch; 574 Einwohner, 88 Werst bis Shitomir, 63 Werst bis Owrutsch
* 1906: Kolonie ... Wolost, Ujesd wie 1888; 110 Höfe, 2 Außenstellen, 561 Einwohner, 63 Werst bis Owrutsch, 25 Werst bis Iskorost
Den Ort findest Du bei den österr.-ung. Karten auf dem Blatt 46-51. Hier die polnische Schreibweise Horszczyk umgeben von den Kolonien Blumenthal, Wiesenthal und Kalinowka.
In dieser Gemeinde sind 7 Familienmitglieder geboren. Ich finde in den
ganzen Geburtsregistern keinen Hinweis auf die Familie.
Welche Geburtsregister meinst Du? In der Odessa-Datenbank stehen unter der Rubrik St.Petersburg überwiegend Geburten der evang.-augsb. Kirchgemeinden.
gerhard
Re: Dorf Gottliebsdorf
Gerhard König
, Samstag, 22.07.2006, 20:35 (vor 7205 Tagen) @ Diethelm Schwanke
Als Antwort auf: Re: Dorf Gottliebsdorf von Diethelm Schwanke am 20. Juli 2006 13:44:26:
Hallo Diethelm,
in dem Buch von Don habe ich mal etwas weiter geblättert und mit den vorhandenen Angaben bzw. denen im Netz verglichen. Ein Überblick zzgl. Bezugsadresse kann hier nachgelesen werden:
MILLER, Donald N.: In the Midst of Wolves. A history of German Baptists in Volhynia from 1863 to 1943. Juli 2000, Softcover, 328 Seiten. ISBN 0-9700542-0-3
Seine Quellen waren hauptsächlich umfangreiche Recherchen in den Staatsarchiven Kiew und Shitomir, Ukraine; das Oncken-Archiv in Elstal bei Berlin, Deutschland und Befragungen von ehemaligen Gemeindegliedern sowie deren Nachfahren. Das einzige erhalten gebliebene und bisher bekannte Kirchenbuch einer Baptistengemeinde ist unter der Rubrik "Kirchenbücher" nachlesbar.
Von der Baptistengemeinde Horstschick wurden betreut (vgl. Miller, Stations of Churches; o.g. Buch S.290ff; folg. Angaben sind in dieser Reihenfolge: Miller, 2000 / Pingoud, 1909 / Nennung + Lage lt. Österr.-ungar. Kartenblättern, 1910 zusammengestellt):
* Bliznitza / nein / nein
* Blumental / nein / Kol. Blumenthal, 2km N, Blatt 46-51
* Cholosna / nein / Chołosno, 21km O, Blatt 46-51
* Diwlin / ~, =Iwanowka Diwlin, Kirchspiel Emiltschin, 130 evang. Einw. / Mł.+Bol. Dywlin, 27km NW, Blatt 46-51
* Emilcin / Emiltschin, Kirchspiel Emiltschin, 145 evang. Einw. / Jemilczyn, 38km W, Blatt 45-51
* Gottliebsdorf / ~, =Boguljubowka, Kirchspiel Emiltschin, 340 evang. Einw. / nein
* Horstschick / nein / Horszczyk, Blatt 46-51
* Jablonec / Jablonez, Kirchspiel Emiltschin, 175 evang. Einw. / Jabłoniec, 26km SW, Blatt 46-51
* Kapatulszisna / nein / Kol. Kapitulszczyna, 99km SW, Blatt 45-50
* Karolinow / nein / Kol. Kalinowka, 2km W, Blatt 46-51(meine Vermutung)
* Konposchnika / nein / nein
* Kroposchin / Kruposchin, Kirchspiel Emiltschin, 170 evang. Einw. / Lage ca. bei St. Krywotyn Kołckoj (Budki), 19km NW, Blatt 46-51
* Krylinsk / Krilinsk, Kirchspiel Emiltschin, 170 evang. Einw. / nein
* Lesowschtschisna / Lessowtschisna, Kirchspiel Shitomir, 266 evang. Einw. / Lisowszczyzna, 21km SO, Blatt 46-51
* Pogorelaya / nein / Pogorieła, 7km NO, Blatt 46-51
* Porillen / nein / nein
* Sobowczisna / nein / Zubowszczyna, 35km O, Blatt 46-51
* Wellin / nein / nein / lt. russ. Ortsverzeichnis 1906: Chutor, Wolost Iskorost, 6 Höfe, 2 Außenstellen, 26 Einwohner, 55 Werst bis Owrutsch, 14 Werst bis Iskorost
* Wiesental / nein / Kol. Wiesenthal, 1,5km SO, Blatt 46-51
Einige Orte konnte ich leider nicht finden, aber vielleicht hilft Dir diese kleine Auflistung etwas.
gerhard
Re: Dorf Gottliebsdorf
Gerhard König
, Dienstag, 01.08.2006, 22:26 (vor 7195 Tagen) @ Diethelm Schwanke
Als Antwort auf: Re: Dorf Gottliebsdorf von Diethelm Schwanke am 20. Juli 2006 13:44:26:
Hallo Diethelm,
Deine Post ist angekommen und nun ist es auch eindeutig. Dieser Geburtsschein ist eine Abschrift aus der baptistischen Gemeinde in Horschtschik. Im Russischen gibt es den Buchstaben "H" nicht und der Übersetzer schrieb daher das "G". Und beim Geburtsort Gottliebsdorf handelt es sich um den bereits beschriebenen Ort westlich von Horschtschik im Wolost Emiltschin.
Interessant bei diesem Dokument, daß bereits 1914 und früher (Prediger Piltz schrieb seine Abschrift 1912) der "Fürsorgeverein für deutsche Rückwanderer" Urkunden ausstellte.
Versuche Geschwister in Erfahrung zu bringen, die entweder in den evang. Büchern erfasst wurden und/oder später aus Wolhynien ausreisten.
Die Baptisten hatten in diesen Jahren einen sehr schweren Stand. Es gab einige große Gemeinden (vgl. Bücher von Don Miller, Eduard Kupsch, Wilhelm Kahle oder Robert L. Kluttig). Leider gelten deren Kirchenbücher als verschollen.
gerhard
Re: Dorf Gottliebsdorf
Diethelm Schwanke, Samstag, 05.08.2006, 06:34 (vor 7191 Tagen) @ Gerhard König
Als Antwort auf: Re: Dorf Gottliebsdorf von Gerhard König am 01. August 2006 22:26:34:
Danke für die Antwort. Ich muss das alles noch verarbeiten. Wir haben in der Familie einen arischen Nachweiss aus den Jahren 1860 bis 1920. Darin ist Gottliebsdorf als Geburtsort aufgeführt. Ich werde versuchen eine Kopie zu bekommen.
Mit freundlichen Grüßen
Diethelm Schwanke
Re: Dorf Gottliebsdorf
Gerhard König
, Samstag, 05.08.2006, 11:41 (vor 7191 Tagen) @ Diethelm Schwanke
Als Antwort auf: Re: Dorf Gottliebsdorf von Diethelm Schwanke am 05. August 2006 06:34:58:
Hallo Diethelm,
Ich muss das alles noch verarbeiten.
Dies kann ich mir sehr gut vorstellen. Falls Du die genannten Bücher lesen willst: das Buch von Don Miller ist beim Autor beziehbar; die anderen zwei (Kluttig & Kupsch) findest Du bestimmt als Fernleihbestellung über Deine Hausbibliothek. Bei Interesse lohnt sich für Dich bestimmt ein Besuch in Elstal bei Berlin. Dort gibt es keine Kirchenbücher, aber eine Menge anderer Literatur, um diese schwere Zeit der eigenen Vorfahren zu verstehen.
Da hier viele Interessierte mitlesen ... noch ein weiterer Tip: lt. meinem Kenntnisstand haben die heutigen baptistischen Gemeinden und deren geschichtsinteressierte Pastoren u.a. eine gut ausgerüstete eigene Handbibliothek. Wer selbst keinen Bezug zu den Baptisten hat, aber seine Vorfahren Mitglieder einer baptistischen Gemeinde waren, findet bestimmt ein offenes Ohr beim zuständigen Pastor in sein Nähe.
Wir haben in der Familie einen arischen Nachweiss aus den Jahren 1860
bis 1920. Darin ist Gottliebsdorf als Geburtsort aufgeführt.
Du Glückspilz! Wenn Du die Kopien in der Hand haben solltest, schreib uns mal, wie dieser Nachweis aussieht bzw. ob da wirklich bereits die Bezeichnung "arischer Nachweis" zu lesen ist.
gerhard
